Fabian Klotz: Hundert Jahre Mediendebatte

Einzelrezension
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Rezensiert von Tina Theobald

Einzelrezension
“Über die Medien wurde schon so viel gesagt, dass es sich lohnt, noch mehr zu sagen.” (11) Dieser “Grundsatz” (ebd.), dem Fabian Klotz folgt, ist in doppeltem Sinne kennzeichnend für seine Dissertation Hundert Jahre Mediendebatte. Da “menschliche Geschichte […] als Entwicklung gesehen werden [kann], in deren Verlauf immer neue Kommunikationsmedien entwickelt wurden und auf unterschiedlichste Weise Verwendung fanden und finden” (Krotz 2007: 37), reißt einerseits das wissenschaftliche Interesse an den Medien, ihrer Struktur und Wirkung nicht ab. Andererseits findet kontinuierlich auch eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Medien und ihrem Einfluss auf Kommunikation, Alltag, Gesellschaft und Kultur statt, die sich wiederum auf die (medien-) wissenschaftliche Theoriebildung auswirken kann (12). Da immer neue Medien mit immer neuen kommunikativen Möglichkeiten Teil der gesellschaftlichen Entwicklung sind, ist es folglich für Wissenschaft und Öffentlichkeit stets lohnenswert, “noch mehr [über Medien] zu sagen” (11). Klotz knüpft mit seiner Arbeit insofern an dieses doppeldeutige “noch mehr […] sagen” an, als er sich – selbst Teil eines (medien-)wis­senschaftlichen Diskurses – in einer ‘diskursanalytischen Nacherzählung’ dem zwischen 1895 und 2000 in der Frankfurter Zeitung (1895-1933) und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1949-2000) geführten öffentlichen Diskurs über den (sozio-)kulturellen Wert und Unwert der Medien Kino, Radio, Fernsehen, Neue Medien und Internet widmet.

Einleitend (11-60) in seine Untersuchung erörtert Klotz zunächst, dass Mediendiskurse spätestens seit der Jahrtausendwende zunehmend Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses werden, weil sich anhand ihrer Analyse zum einen “etwas über die Medien bzw. den Medienumgang […] erfahren” (15) und zum anderen “das Funktionieren von Diskursen […]  beobachten” (15) lässt. Für das Funktionieren von Mediendiskursen, die durch ihren spezifischen Beobachtungsgegenstand, ihre sozialhistorischen Rahmenbedingungen und ihren bestimmten Diskurstyp gekennzeichnet sind, schlägt er – in Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschungslage – vier “Problematisierungsetappen” (37) vor. Klotz schildert hier plausibel, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit den Medien geprägt ist durch eine anfängliche Thematisierung ihrer “Neuheit” hin zur “Gewohnheit” des Umgangs mit ihnen. Zwischen diesen beiden Polen werden “Nutzen und Bedeutung” eines Mediums ebenso wie sein “Alltagsgebrauch und seine Institutionalisierung” (38) geprüft, wobei stets eine (Neu-)Bewertung des Mediums hinsichtlich seines Einflusses auf Bildung, Kunst und Kultur stattfinden kann.

Mangelt es in diesem einführenden methodologischen und terminologischen Überblick zeitweilen an Präzision hinsichtlich der begrifflichen Bestimmung des Diskurses, des Mediums oder des “topischen Argumentierens” ebenso wie der eingehenden Auseinandersetzung mit dem für das systematische Erfassen einer Vielzahl von Äußerungen geeigneten methodischen Instrumentariums der Diskursanalyse, so ist der Hauptteil der Arbeit (61-369) geprägt durch eine intensive Beschäftigung mit den Aussagen über eine Vielzahl von Medien. In dieser aufwändigen Untersuchung, für die jede Ausgabe der Frankfurter Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus über einhundert Jahren Mediengeschichte gesichtet und ein Korpus von über 2.000 Texten erstellt wurde, rekonstruiert Klotz nicht allein eine Geschichte des Denkens über die Medien, sondern – basierend auf seiner Überzeugung, “dass sich in ihnen vor allem die Geschichte und die Gesellschaft bemerkbar machen” (15) – eine Geschichte des Denkens über die gesellschaftliche Ordnung, über die soziale Wirklichkeit.

Gemäß seines eingangs vorgestellten Modells der vier Problematisierungsetappen zeichnet Klotz das Bild einer Medien-Debatte, in der die in ihrer ‘Neuheit’ Faszination erweckenden Medien mit zunehmender ‘Gewohnheit’ als eine Gefährdung für die Kulturträger Buch und Theater und in Folge für die Bildung, Kunst und Kultur der Gesellschaft dargestellt werden. Wurde beispielsweise “die Kinematografie in den Anfangsjahren als […] lebendige Erscheinung umschrieben” (73), so erschien sie der Frankfurter Zeitung mit ihrer zunehmenden Etablierung bald als “eine sich ausbreitende Krankheit” (82), die sich “höheren Bildungszwecken unterzuordnen” (83) hatte, um keinen noch größeren gesellschaftlichen Schaden anzurichten. Werden die neuen Medien zumeist am Wert des Buches als Inbegriff von Bildung und Kultur gemessen, so zeigt Klotz, dass das Kino vor allem mit dem Theater, “der wahre[n] Pflegestätte der Kunst” (88) verglichen wurde. Eine die Geschichte der einzelnen Medien-Debatten und ihrer Problematisierungsetappen vergleichende Zusammenfassung, die die Ergebnisse der Untersuchung nochmals in den Kontext der einführenden Überlegungen setzt, beispielsweise die wichtigsten Topoi der Medien-Debatte vorstellt oder einen Ausblick auf das 21. Jahrhundert bietet, findet sich im Anschluss an Klotz ‘diskursanalytische Erzählung’ nicht.

Zeichnet Klotz eingeteilt in sechs zeitliche Phasen die Geschichte der Medien Kino, Radio, Fernsehen, Neue Medien und Internet nach und stellt sie so in den zeitgeschichtlichen Zusammenhang, so erweitert er die bisherige Forschungslandschaft, die sich eher selektiv mit ausgewählten neuen Medien in kurzen Zeiträumen befasst hat, um einen umfassenden Überblick über die Auseinandersetzung mit ‘neuen’ und ‘gewohnten’ Medien im 20. Jahrhundert. Bemerkt Klotz kritisch, dass in der Forschungsliteratur “hauptsächlich Quellen zu der Zeit [dokumentiert sind], solange die jeweiligen Medien als ‘neu’ galten” (55) und somit die der ‘Gewohnheit’ gewidmeten Problematisierungsetappen kaum in den Blick nehmen, so ist fraglich, weshalb er selbst das zur ‘Gewohnheit’ gewordene Medium Zeitung aus seiner ‘diskursanalytischen Erzählung’ ausschließt.

Wäre die Betrachtung der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Presse im 20. Jahrhundert sicher ebenso wünschenswert gewesen wie eine präzisere terminologische wie methodologische Einführung oder ein abschließender vergleichender Blick auf die zentralen Topoi des Diskurses, so ist Klotz’ Arbeit – gewissermaßen als Bindeglied zwischen wissenschaftlichem und öffentlichem Diskurs – doch ein großer Gewinn für die unterschiedlichsten Wissenschaften, die aufbauend auf seine Darstellung der Medien-Debatte vielfältige weiterführende Untersuchungen anstreben können.

 Literatur:

  • Krotz, Friedrich: Mediatisierung: Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden [Verlag für Sozialwissenschaften] 2007

Links:

Über das BuchFabian Klotz: Hundert Jahre Mediendebatte. Reihe: Neue Rhetorik, Band 7. Berlin [Weidler Buchverlag] 2010, 395 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseFabian Klotz: Hundert Jahre Mediendebatte. von Theobald, Tina in rezensionen:kommunikation:medien, 7. April 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11987
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Rezensent/in
Dr. Tina Theobald ist Akademische Rätin (a.Z.) am Lehrstuhl von Prof. Dr. Jörg Riecke des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Sprachgeschichte, der Mediensprache und -geschichte wie in der Sprachkritik und Sprachreflexion.