Carsten Heinze, Stephan Moebius, Dieter Reicher (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie

Einzelrezension
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Rezensiert von Oliver Dimbath

Einzelrezension
Dass die Filmsoziologie im Konzert soziologischer Betätigungsfelder zu Unrecht ein Mauerblümchendasein fristet, ist immer wieder festgestellt worden. Einer von mehreren denkbaren Gründen hierfür ist die Unübersichtlichkeit dieses Forschungsgebietes, sowohl im Hinblick auf seine theoretischen wie methodologischen Grundlagen als auch mit Blick auf mögliche Anknüpfungspunkte für andere Gebiete soziologischen Denkens. Ein weiteres Problem liegt im Fehlen wissenschaftsprofessioneller Strukturen wie einschlägiger Zeitschriften, Buchreihen, Arbeitskreise, Lehrstühle oder Studiengänge bis hin zum Ausweis konkreter außerwissenschaftlicher Verwendungsperspektiven. Das hier besprochene Werk leistet einen wertvollen Beitrag zur Linderung dieser Probleme, indem es Filmsoziolog(inn)en ein Forum bietet und einzelne Diskussionsstränge weiterführt. Allerdings ist es zugleich in mancher Hinsicht selbst Symptom der zurzeit festzustellenden Unübersichtlichkeit im Bereich der Filmsoziologie.

Die Herausgeber Carsten Heinze, Stephan Moebius und Dieter Reicher trennen die eher theorieinteressiert-methodologischen von den ‘angewandten’ Beiträgen, identifizieren aber lediglich im Vorwort einige übergreifende Perspektiven wie die “Erforschung kollektiver Identitäten”, eine Behandlung der “Gender-Perspektive” sowie “ästhetischer” oder “kultursoziologischer” Aspekte. Ich werde mich diesem Systematisierungsversuch nicht anschließen, die Kapitel anders arrangieren und dadurch versuchen, das im Sammelband angelegte Perspektivierungspotenzial aufzudecken.

So kann man mit Blick auf die Filmsoziologie zunächst unterscheiden, ob Film als mediales Artefakt einer bestimmten Gesellschaft verstanden wird oder ob man nach Hinweisen auf Momente des Sozialen im Film Ausschau hält. Hinzu kommt die methodologische Frage nach der Analyserichtung, also ob Film deduktiv unter Zuhilfenahme sozialwissenschaftlicher Theorien interpretiert beziehungsweise kategorisiert oder ob induktiv, von einzelnen Beobachtungen ausgehend, auf einen sozialen Strukturzusammenhang geschlossen wird. Die induktive Perspektive wäre dann noch in eine Diagnose manifester und in die Rekonstruktion verborgener (latenter) Strukturmomente zu unterteilen.

Bezieht man nun die Dimension des Verhältnisses von Film und Gesellschaft auf die Dimension der Analyserichtung, entstehen sechs Felder, die als Perspektiven filmsoziologischer Arbeiten dienen können. Die im Buch versammelten Arbeiten lassen sich nicht immer eindeutig diesen Feldern zuordnen, da manche von ihnen mehrere Aspekte bedienen. Immerhin weisen sie jedoch Tendenzen auf, die eine Bündelung rechtfertigen und dazu beitragen, die große Vielfalt möglicher Analyseperspektiven zu ordnen.

Die induktive Analyse des Films der Gesellschaft kann den Film als Produkt latenter gesellschaftlicher Produktions- und Aneignungsprozesse erfassen. Dieser Perspektive lassen sich die Arbeit von Lutz Hieber über die historisch abgeleitete Ästhetik der Tatort-Reihe sowie der Beitrag von Paulo Menezes zur filmischen Konstruktionsweise des Fiktionalen zuordnen. Die zweite Ausprägung einer induktiven Herangehensweise wird als Analyse (manifester) gesellschaftlicher Funktionen des Films durch den Text von Dieter Reicher zur Frage nach einer politischen Indienstnahme regionaler “Ethno-Stars” und die Argumentation Markus Schroers, der auf die Äquivalenzen des filmischen und des soziologischen Blicks auf die Gesellschaft hinweist, repräsentiert. Einen eher deduktiven Zugang im Kontext der Untersuchung institutioneller Momente der Filmproduktion und -aneignung wählt Sebastian Haller wenn er die staatlich kontrollierte Filmkritik und Filmanalyse der DDR, also Film und Kino, unter spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet.

Weite Teile der Filmsoziologie bestehen demgegenüber in Rekonstruktionen der Repräsentation des Gesellschaftlichen im Film. Eine ganze Reihe von Beiträgen arbeitet induktiv, also von einzelnen Filmen ausgehend, latente gesellschaftliche Strukturmomente heraus. Hierzu gehören zunächst Olaf Behrends Interpretation des Filmes The Limits of Control von Jim Jarmusch als Visualisierung der Krise des (modernen) Subjekts, Eva Flickers und Irene Zehenthofers Rekonstruktion des Zusammenhangs von Geschlecht und Armut im österreichischen ‘feel bad cinema’ sowie Anja Peltzers Analyse der für das globalisierte Kino adaptionsfähig gehaltenen Identitätsangebote durch den Hollywoodfilm. Dieser ‘klassisch’ als Spiegel der Gesellschaft zu bezeichnenden Perspektive kann ferner die Ausarbeitung der These von Tina Weber und Patrick Schubert über den sich in Film-Autopsien abzeichnenden Bedeutungswandel des Todes in der modernen Mediengesellschaft zugeordnet werden. Und auch Rainer Winters Literaturüberblick über filmsoziologische Ansätze kritischer Gesellschaftsanalysen anhand der Arbeiten Norman K. Denzins, Carl Boggs und Tom Pollards sowie Hansfried Kellners tendiert ebenso in diese Richtung wie Ulrike Wohlers Vergleich lokaler und globaler Weiblichkeitsdarstellungen in Musikvideos.

Eine eher durch die Analyse manifester Sachverhalte geprägte induktive Analyseperspektive, die man auch unter der Bezeichnung ‘Film als Fenster zur Gesellschaft’ rubrizieren könnte, umschließt den Beitrag von Carsten Heinze zur Situation sowie zum medial vermittelten Erkenntnispotenzial des Dokumentarfilms und Hermann Pfützes kurze Abhandlung über den ethnographischen Film Les maîtres fous von Jean Rouch. Mit Blick auf die Identifizierung gesellschaftlicher Strukturmomente im Film finden sich auch Arbeiten, die das konzeptionell-theoretische Instrumentarium der Soziologie nutzen, um Filme zu interpretieren oder solche, die Filme zur Illustration soziologischer Theoriefiguren verwenden.

Die Perspektive einer Sozialtheorie als ‘Lesebrille’ für Filme lässt sich zunächst für die beiden systemtheoretisch orientierten Beiträge von Fehmi Akalin, der Film im Anschluss an Luhmanns Kommunikationsbegriff diskutiert, und Il-Tschung Lim und dessen systemtheoretische Interpretation von Spionagewissen als Globalisierungswissen im Licht zunehmender Instabilität etablierter kultureller Schemata feststellen. Ihr ist aber auch die Arbeit Oliver Berlis zuzuordnen, der die Plausibilität soziologischer Praxistheorien (Habitus) im Rückgriff auf filmische Erzählungen gesellschaftlichen Aufstiegs illustriert. Schließlich kann die Untersuchung von Robert Gugutzer und Moritz Böttcher, in der der Sportfilm Das Wunder von Bern über ein glokalisierungstheoretisches Motiv als Heimatfilm identifiziert wird, dieser Perspektive zugeordnet werden.

In der Gesamtschau ist festzuhalten, dass das verdienstvolle Buch zunächst als wichtige Markierung für die Weiterführung der filmsoziologischen Diskussion zu begrüßen ist. Seinem Titel getreu repräsentieren die überwiegend gehaltvollen, bisweilen aber auch weniger stringenten Analysen unterschiedliche Perspektiven der Filmsoziologie und bieten so einem weiten Leser(innen)kreis instruktive Einblicke in die mannigfachen Erkenntnispotenziale des soziologischen Nachdenkens mit dem und über das Medium Film. Eine Chance lassen die Herausgeber indessen jedoch ungenutzt: Sie vergeben die Möglichkeit das bis dato kaum konturierte Projekt Filmsoziologie durch eine spezifischere Sortierung perspektivisch zu strukturieren und ihrem Buch in Einleitung und Gliederung eine Weichenstellungsfunktion zu geben. Auf diese Weise könnten Anknüpfungspunkte für die weitere Diskussion im Bereich Filmsoziologie definiert werden. Gleichwohl präsentiert der Band Perspektiven der Filmsoziologie ohne Zweifel eine Vielzahl wertvoller Einsichten, Anschlussstellen und Anregungen und weckt die Hoffnung auf ein weiteres Engagement der Herausgeber im Hinblick auf die Etablierung einer deutschsprachigen Filmsoziologie.

Links:

Über das BuchCarsten Heinze, Stephan Moebius, Dieter Reicher (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie. Reihe: Theorie und Moderne, Band 62. Konstanz [UVK] 2012, 364 Seiten, 44,- Euro.Empfohlene ZitierweiseCarsten Heinze, Stephan Moebius, Dieter Reicher (Hrsg.): Perspektiven der Filmsoziologie. von Dimbath, Oliver in rezensionen:kommunikation:medien, 9. März 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11846
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Rezensent/in
Dr. Oliver Dimbath ist Akademischer Rat an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg. Seine Arbeitsgebiete umfassen soziologische Filmanalysen, Wissens- und Wissenschaftssoziologie, qualitative und quantitative Methoden und Methodologie der Sozialwissenschaften, Soziologie des Gedächtnisses, Erinnerns und Vergessens, Soziologie der Arbeit und der Berufe, Organisationssoziologie, Evaluation und Evaluationsforschung.