Claudia Wegener, Jesko Jockenhövel, Mariann Gibbon: 3D-Kino

Einzelrezension
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Rezensiert von Stefan Drößler

Einzelrezension
Seit Beginn der Filmgeschichte gibt es Versuche, Stereoskopie und Film zusammenzubringen. Doch trotz ständig fortschreitender technischer Entwicklungen und regelmäßig wiederkehrender 3D-Wellen im Kino hat sich der dreidimensionale Film nie durchsetzen können. Es stellt sich die Frage, warum das Publikum sich nur bedingt auf 3D einlässt und offenbar nach einer kurzen Zeit der neugierigen Erkundung wieder zum 2D zurückkehrt. Kann es sein, dass die Industrie eine Technik am Markt durchsetzen möchte, die nur von wenigen Filmautoren als künstlerische Herausforderung angenommen wird und bei weiten Teilen des Publikums keine Akzeptanz findet?

3D-Kino – Studien zur Rezeption und Akzeptanz heißt das 197 Seiten umfassende Buch, das in der Schriftenreihe der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Potsdam erschienen ist. Laut Covertext will es die “Bedürfnisse und Erwartungen” des Publikums empirisch erfassen und diskutieren. Tatsächlich liegen bisher nur wenige Untersuchungen über das Publikum und seine Haltung zu 3D-Filmen vor, die nicht auf Betreiben der Industrie zur Markterforschung entstanden sind. Auch die Potsdamer Untersuchung ist im Rahmen des von Wirtschaftsunternehmen mitgetragenen Forschungsprojekts PRIME – Produktions- und Projektionstechniken für Immersive Medien entstanden.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel: Eine Einführung, eine Übersicht über die Geschichte des 3D-Films, eine Übersicht über den Stand der bisherigen Publikumsuntersuchungen zu Aspekten des 3D-Films und die aktuellen Studien. Problematisch ist das zweite Kapitel über die Geschichte des 3D-Films. Die Autoren sind nicht in der Lage, sich z. T. widersprechende Sekundärquellen zu klären oder technische Prozesse sprachlich präzise zu beschreiben. Es finden sich viele sprachliche Stilblüten, zweideutige Formulierungen und Schlussfolgerungen, die sogar zu faktischen Fehlern führen. Im dritten Kapitel bezeichnen die Autoren die Forschungslage zu dreidimensionalen Medien, ihre Nutzer und das Filmerleben als “ausgesprochen heterogen” und “deutlich defizitär”, woraus sie die Notwendigkeit ihrer eigenen Untersuchungen ableiten.

Im vierten Kapitel, das zwei Drittel des Buchs ausmacht, werden dann die neuen Untersuchungen aus den Jahren 2009/2010 vorgestellt. Eine repräsentative Umfrage ergab, dass knapp mehr als die Hälfte der Befragten Interesse an 3D hat und Dokumentationen, Kinderfilme und Science-Fiction-Filme für besonders geeignete 3D-Formate hält (dass hier die Grafik auf Seite 80 in krassem Widerspruch zum Text auf Seite 81 steht, ist vermutlich ein Fehler bei der Beschriftung der Balken in der Grafik). Die 157 befragten Besucher in Berliner Kinokomplexen, die eine 3D-Vorstellung auswählten, obwohl derselbe Film auch in 2D angeboten wurde, versprechen sich in erster Linie einen “hohen subjektiven Erlebniswert”.

Eine Forenanalyse im Internet ergibt, dass das Horrorfilm-Publikum mehr Wert auf Effekte lege, während im “Family Entertainment” die “inhaltliche Qualität” der Filme im Vordergrund stehe: “Es überwiegt die Einschätzung, der Film würde auch in 2D gut funktionieren.” Gerade an diesem Punkt ist es bedauerlich, dass die Autoren der Frage nicht nachgehen, wie das Publikum mit technischen Nachteilen des 3D (z. B. Lichtschwäche, Geisterbilder) umgeht und wie es denselben Film in 2D bewertet. Dieser Mangel wird bei der letzten Untersuchung besonders deutlich, in der die Autoren der Rolle von 3D-Effekten “bei einer möglichen Ängstigung von Kindern” nachgehen, aber nicht untersuchen, inwieweit sich die Reaktionen der Kinder bei einer der Sichtung der 2D-Version und der 3D-Version desselben Films überhaupt unterscheiden.

Am Ende des Buches verlassen die Autoren ihre Publikumsuntersuchungen und wagen einen Ausblick auf die Zukunft des 3D-Films: “So macht 3D alleine einen Film nicht besser oder schlechter. Eher lassen die […] Studien darauf schließen, dass die 3D-Ästhetik im Film inhaltlich motiviert sein muss und entsprechend reflektiert einzusetzen ist.” Diese nicht gerade umwerfende Erkenntnis charakterisiert den Gebrauchswert des Buchs: Es belegt gängige Ansichten zum Thema 3D-Kino, liefert darüber hinaus aber leider keine neuen Fragestellungen oder Erkenntnisse.

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Prof. Dr. Claudia Wegener an der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” (HFF)
  • Webpräsenz von Jesko Jockenhövel an der HFF
Über das BuchClaudia Wegener, Jesko Jockenhövel, Mariann Gibbon: 3D-Kino. Studien zur Rezeption und Akzeptanz. Wiesbaden [Springer VS] 2012, 197 Seiten, 19,95 EuroEmpfohlene ZitierweiseClaudia Wegener, Jesko Jockenhövel, Mariann Gibbon: 3D-Kino. von Drößler, Stefan in rezensionen:kommunikation:medien, 4. März 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11586
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Rezensent/in
Stefan Drößler ist Leiter des Filmmuseums München und ein Experte für die Geschichte des 3D-Films. Er hat seit 1982 zahlreiche Artikel zum Thema veröffentlicht und hält Vorträge im In- und Ausland.