Rainer Geißler, Horst Pöttker: Medien und Intergration in Nordamerika

Einzelrezension
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Rezensiert von Katharina Fritsche

Einzelrezension
Dem Forschungsprojekt Mediale Integration von ethnischen Minderheiten an der Universität Siegen ist es zweifelsfrei gelungen, das Themenfeld Migration und Medien in der Kommunikationswissenschaft nachhaltig zu verankern. Im ersten Buch (Geißler; Pöttker 2005) wurde das Modell der medialen Integration (Geißler 2005) entwickelt und das Forschungsfeld umfänglich dargestellt; die Publikation stellt nicht nur mit ihrer gründlich recherchierten Bibliografie ein unerlässliches Nachschlagewerk dar. Auch die folgenden Bände boten Raum für wegweisende Analysen und weitere Erkundungen des Terrains. Dieser Tradition fügt sich die letzte und fünfte Veröffentlichung nahtlos an. Mit ihrer Fokussierung auf die USA und Kanada macht sie die Herausforderungen ethnizitätsübergreifender medialer Kommunikation für die deutschsprachigen Leser_innen zugänglich.

Spannende theoretische Beiträge sind ebenso vertreten wie historische und vergleichende empirische Studien. Der Band ist in drei Teile gegliedert: Zunächst kommt Augie Fleras in zwei Beiträgen über Kanada zu Wort. Der mittlere Teil gibt mit zwei Texten von Kenneth Starck sowie einem Beitrag von Horst Pöttker und Anne Weibert grundlegende Einsichten in die Diskussionen innerhalb der US-amerikanischen Medienlandschaft.1 Der letzte Teil besteht zum einen aus zwei Studien von Harald Bader über historische deutsche Medien in den USA sowie einer vergleichenden Analyse der Lokalberichterstattung über Minderheiten in den USA und Deutschland von Anne Weibert. Da der Anspruch der Herausgeber ist, von Kanada und den USA “zu lernen” (8), wie eine mediale Integration von Minderheiten hergestellt und gewahrt werden kann, schließt der Band zum anderen mit jeweils einem Fazit der Herausgeber zu Kanada und den USA.

Der erste Beitrag, in dem Fleras das “konventionelle Nachrichtenparadigma als systemischer Bias” (11) als Ursache dafür sieht, dass Migrant_innen und Minderheiten meist im Zusammenhang mit Konflikten sowie als soziale Bedrohung präsentiert werden, legt einen erfrischend politischen Zugang zum Themenfeld. Der Autor stellt eine strukturelle Verengung der Medien fest, die die Interessen der Mehrheitsgesellschaft sowie vorherrschende Ideologien aufgriffen und absicherten, während gleichzeitig die Positionen derjenigen, die Konventionen in Frage stellen (könnten), marginalisiert würden. Dies geschehe unabsichtlich und sei Ausdruck der “Institutionalisierung von Ethnozentrismus” (40), dessen Normalisierung noch nachhaltiger wirke als direkte Diskriminierungen. Die Verwendung stereotyper Darstellungen sei “tief in den grundlegenden Prinzipien und der operativen Logik der Nachrichten […] verwurzelt” (42). Fleras sieht Notwendigkeit darin, dominante Nachrichtenwerte zu problematisieren und ihre normative Wirkmächtigkeit sichtbar zu machen, um der Benachteiligung von Migrant_innen und Minderheiten entgegenzutreten.

Der zweite Artikel beschreibt die Bedeutung der (Ethno-)Medien der Ureinwohner_innen in Kanada. Fleras’ Analyse bringt ihn zu dem Schluss, dass diese sowohl inklusiv als auch insular seien, sowohl eine vermittelnde als auch verbindende Funktion erfüllten und dabei eine zentrale Instanz für die “Bildung eines transnationalen und multilokalen Zugehörigkeitsgefühls” (270) darstellten.

Besonders spannend erscheint in Starcks Beitrag “Einheit in Verschiedenheit anerkennen” der Rückgriff auf statistische Erhebungen der Ethnizität der Journalist_innen. Waren laut der American Society of Newspapers Editors (ASNE) Ende der 1970er Jahre nur knapp vier Prozent der Medienschaffenden ethnischen Minderheiten zuzurechnen, waren es im Jahr 2004 fast 13 Prozent, wobei dieser Wert verglichen mit ihrem gesellschaftlichen Anteil von 30 Prozent immer noch gering sei (vgl. 122). Weiterhin stellt Starck eine Vielzahl medienpolitischer Organisationen vor, die in den USA für die Gleichstellung von Minderheiten und den Abbau von Diskriminierungen kämpften.

Von Vorurteilen über arabische Menschen in den USA erzählt sein zweiter Text. Auf Grundlage einer Literaturstudie formuliert er, dass die medialen Darstellungen von Araber_innen deutlich negativ konnotiert sind. Starck legt zwar nahe, dass diese Wahrnehmung einem historischen Wandel unterlegen habe und ihre Hautfarbe “sowohl weiß als auch schwarz sein [kann]” (138). Doch spätestens seit den 1960er Jahren und den politischen Krisen im Nahen Osten seien medial vermehrt ethnische Stereotype aufgegriffen worden, die bis heute die Berichterstattung in den USA prägten. Der Artikel gibt einen guten Einblick in den Forschungsstand, auch wenn die Analyse der Ergebnisse eher kurz ausfällt.

Pöttker und Weibert erweitern die Perspektive von Starck und erörtern, wie Medien zur Integration ethnischer Minderheiten beitragen können. Nach einer kurzen Einführung zur Geschichte der Einwanderung in die USA machen sie sich vor allem für das Konzept der Diversity stark. Eine Betrachtung der Medienproduktion und der Medieninhalte lässt die Autor_innen schließen, dass durch die vielen Initiativen sowie der deutlichen Statistiken der ASNE die Partizipation nicht-weißer Medienschaffender zwar erhöht werden konnte, ihre gesteigerte Präsenz jedoch keine differenziertere Berichterstattung oder weniger Diskriminierungen zur Folge hatte.

Bader gibt zwei historische Exkurse zu deutschsprachigen Tageszeitungen in den USA. Er untersuchte zum einen die New Yorker Staats-Zeitung in den Jahren nach 1848 sowie den als reaktionär zu bezeichnenden Heimatboten Ende der 1920er Jahre. Bader kommt zu dem Schluss, dass vor allem erstere Zeitung ein wichtiges Medium für die US-Deutschen war, damit diese miteinander kommunizieren sowie sich ihrer Kultur vergewissern konnten – auch wenn letztlich die Assimilation angestrebt und schließlich erreicht wurde.

Weiberts ausführliche Studie zur Lokalberichterstattung über Türk_innen in Deutschland und Hispanics in den USA ist empirisch durchdacht und ihr Vorgehen verständlich dargelegt. Sie stellt beim Vergleich der Berichterstattung über Einwanderung fest, dass sich in Denver die Zeitungen um einen differenzierten Einblick bemühten, während in Dortmund “vielfach eher oder ausschließlich aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft berichtet” würde (229), nach Deutschland Zugewanderte kämen in den sie betreffenden Nachrichten kaum vor. Hispanics könnten unterschiedliche Handlungsrollen einnehmen, Türk_innen seien dagegen in den meisten Fällen nur Objekte der Berichterstattung. Die Autorin schließt mit einem gut strukturierten Resümee und gibt Handlungsempfehlungen für den deutschen Kontext.

Wie die Beiträge erahnen lassen, ist die Situation für Migrant_innen und Minderheiten auch in den Medien der USA und Kanada nicht besonders rosig. Bis heute sind strukturelle Benachteiligungen an der Tagesordnung, auch wenn im Vergleich mit Deutschland etwas bessere Bedingungen und Zugangschancen beobachtbar sind. Als Resümee wird formuliert, dass Migrant_innen stärker an der Herstellung von Öffentlichkeit beteiligt sein sollten und die “interkulturell orientierte Kommunikationspolitik” (250) ausgebaut werden muss. Mehr empirisch abgesicherte Daten und migrationspolitische Initiativen, die zu einer Verbesserung und Erhöhung der Partizipation beitragen können, erscheinen wünschenswert.

Einer Sensibilisierung der Personal- und Programm-Entscheider_innen trägt auch eine kritische Forschung Rechnung, die die Praktiken und Privilegien der Mehrheits-Angehörigen hinterfragt und Raum schafft für weitere, migrantische Perspektiven. Begriffe wie Migration, Ethnizität, “Rasse”, Minderheiten oder Integration werden in den Beiträgen weder einheitlich verwendet noch klar definiert, das Konzept der Ethnisierung wird nicht reflektiert. Der normative Anspruch, ob und wie Medien zur Integration beitragen sollen, wird traditionell aus weißer Perspektive formuliert – dass Angehörige der Mehrheitsgesellschaft über die Anderen reden, generiert auch hier den stetigen Blick von außen.

Ob Migrant_innen und Minderheiten in den Medien wirklich “ungewollt” (Fleras: 19) oder aufgrund systemischer Parameter tendenziell negativ dargestellt werden, oder ob nicht viel mehr gesellschaftlicher Rassismus der eigentliche Grund ist, den viele Weiße nicht erkennen können und wollen, wird in den Beiträgen nicht diskutiert. Eine gendersensible Anlage der Forschung sowie die  Einbeziehung weiterer Autor_innen könnten ebenso noch differenziertere Analysen ermöglichen. Insgesamt geben die Beiträge jedoch einen sehr guten Einblick, wie Medien in “klassisch” (7) diversen Gesellschaften arbeiten und es wird schlüssig dargelegt, welche institutionellen und politischen Maßnahmen ergriffen werden sollten, um eine Gleichstellung und die Anerkennung von Migrant_innen zu unterstützen.

Literatur:

  • Fleras, A.: The Conventional News Paradigm as Systemic Bias: Re-Thinking the (Mis-)Representational Basis of Newsmedia-Minority Relations in Canada. In: Geissler, R.; Pöttker, H. (Hrsg.): Integration durch Massenmedien. Medien und Migration im internationalen Vergleich. Bielefeld [transcript] 2006 S. 179–222
  • Geißler, R.: Mediale Integration von ethnischen Minderheiten. In: Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss, Forschungssstand, Bibliografie. Bielefeld [transcript] 2005, S. 71–79
  • Geißler, Rainer; Pöttker, Horst (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Problemaufriss, Forschungssstand, Bibliografie. Bielefeld [transcript] 2005
  • Starck, Kenneth: Embracing Unity in Diversity: Media and Ethnic Minorities in the USA. In: Geissler, R., Pöttker; H. (Hrsg.): Integration durch Massenmedien. Medien und Migration im internationalen Vergleich. Bielefeld [transcript]  2006, S. 149–178

Links:

  1. Zwei Beiträge wurden bereits im zweiten Sammelband des Projekts auf englisch publiziert (Fleras 2006; Starck 2006) und für die vorliegende Publikation übersetzt. Somit erscheinen sie aufgrund der nicht erfolgten Aktualisierung redundant, auch wenn die Autoren wichtige Aspekte aufgreifen.
Über das BuchRainer Geißler; Horst Pöttker (Hrsg.): Medien und Integration in Nordamerika. Erfahrungen aus den Einwanderungsländern Kanada und USA. Bielefeld [transcript] 2010, 278 Seiten, 28,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseRainer Geißler, Horst Pöttker: Medien und Intergration in Nordamerika. von Fritsche, Katharina in rezensionen:kommunikation:medien, 12. Februar 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11174
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Rezensent/in
Katharina Fritsche, M.A., Promotionsstipendiatin der Leuphana Universität Lüneburg, arbeitet derzeit an ihrem Dissertationsprojekt zur Hegemonie von Weißsein und Heteronormativität im Journalismus. Zwischen 2009-2011 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin und untersuchte die Darstellung von Migrantinnen in den Medien. Ihre Forschungsinteressen liegen in der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechter- und der Migrationsforschung, Intersektionalität, Postkolonialen Theorie sowie den Cultural Studies.

Publikation:
Margreth Lünenborg; Katharina Fritsche; Annika Bach: Migrantinnen in den Medien. Darstellung in der Presse und ihre Rezeption. Bielefeld [transcript] 2011
Erschienen als Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung: Schriftenreihe (Bd. 1266)