Sigurd Allern, Ester Pollack (Hrsg.): Scandalous!

Einzelrezension
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Rezensiert von Silje Kristiansen

Einzelrezension
Handlungen, die gegen Normen verstoßen, wachsen versteckt wie Pilze im Wald, bis ein Journalist sie entdeckt, pflückt und im Spotlicht der Medien zum Skandal würzt und den hungrigen Rezipienten rauchend heiß serviert. In diesem Sammelband geht es um den Prozess der Skandalisierung. Es wird aufgezeigt, wie Skandale sich im Zusammenspiel von Journalisten, Politikern und anderen Akteuren in der Medienarena entwickeln. Im Fokus stehen personenzentrierte politische Skandale in vier nordischen Ländern: Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland. Die Beiträge greifen ein breites Spektrum von Perspektiven auf Skandale auf: es werden die Perspektiven der Skandalisierer, der Skandalisierten und der Skandale an sich aufgezeigt sowie die Wirkung von Skandalen thematisiert.

Als Einstieg in die Thematik wird von Allern, Kantola, Pollack und Blach-Ørsten eine ländervergleichende Analyse und Kategorisierung von medienvermittelten politischen Skandalen von 1980 bis 2010 gegeben. Ihre Inhaltsanalyse der Presse zeigt, dass die Anzahl politischer Skandale in den früher als skandalfrei geltenden nordischen Ländern seit 1980 angestiegen ist. Bei der Operationalisierung des Skandals wird unter anderem das Kriterium aufgestellt, dass etwas worüber die Medien skandalisierend berichten, als Skandal gilt. Es stellt sich die Frage, ob so tatsächlich die Anzahl politischer Skandale ermittelt wird? Ist das Ergebnis nicht eher eine Folge der Boulevardisierung der Presse? Die Autoren weisen darauf hin, dass nordische Medien selten ein Politikressort führen und politische Nachrichten mit Unfällen, Naturkatastrophen, Kriminalität und ähnlichem in Selektions- und Aufmerksamkeitskonkurrenz stehen. Diese Tatsache vermag vielleicht auch zu erklären, warum die Skandalisierung angestiegen ist.

Kantola konzentriert sich auch auf den Wandel des Journalismus in Bezug auf Skandale. Sie hat 25 finnische Journalisten verschiedener Alterskategorien zu einem bestimmten Finanzskandal interviewt. Sie stellt fest, dass ältere Journalisten den politischen Finanzskandal als übertrieben dargestellt empfinden, während die jüngeren Journalisten den Skandal für schwerwiegender und wichtiger halten. Kantola argumentiert, dass nicht nur in der Politik ein Wandel stattfindet, indem die Parteien ihre Macht verlieren und die Politik vermehrt unter einem Transparenzdruck steht, sondern dass es auch im Journalismus durch den Generationenwechsel zu einem Wandel gekommen ist.

Jenssen und Fladmoe argumentieren aus einer machiavellistischen Perspektive und stellen zehn Gebote für politische Akteure auf, die ihre Kollegen skandalisieren möchten. Journalisten seien blutdrünstige Jäger und Politiker die Opfer, deren Handeln von den Journalisten mit strengeren moralischen Maßstäben gemessen werde als das Handeln der Bürger. Der provokative Titel für den letzten Teil ihres Beitrages “Critical journalists – or useful idiots?” (68) spiegelt womöglich das Vertrauen in die Journalisten und das stellenweise fragwürdige Niveau des Textes wieder.

Der Beitrag von Nord, Enli und Stúr definiert die Rolle von politischen Kommentatoren. In der Fallstudie schwedischer und norwegischer politischer Skandale stellen sie fest, dass diese politischen Experten eine wichtige Rolle innehaben. Die Autoren erklären, dass diese durch ihre Expertisen und tiefen Einblicke in das Geschehen das Potential haben, Aufmerksamkeit zu erzeugen und das Agenda Setting zu beeinflussen. Politische Kommentatoren haben demnach viel Macht und ihr Framing des Skandals kann eine große Bedeutung bekommen. Wenn viele dieser Kommentatoren das gleiche berichten, sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein skandalisierter Politiker zurücktritt. Das Schlusswort, dass diese Experten die politischen Skandale nicht selber erzeugen – aber durch ihre privilegierte Position sehr wichtig für die Entwicklung dieser Ereignisse sind – zeugt von Klarsichtigkeit und spricht von einem Zusammenspiel zwischen Politik und Medien.

Blach-Ørsten und Brink Lund betrachten der Typ ,Sicherheitsskandal’ und mediatisierte Kriege näher. Sie beleuchten drei dänische Sicherheitsskandale, die versteckte Machtkämpfe zwischen dem Militär, der Politik und den Medien aufzeigen. Sie argumentieren, dass die in den Medien hergestellte Transparenz nicht nur für das Militär und die Politik zum Verhängnis werden könne, sondern auch für die Nachrichtenmedien selbst. Medien stellten eine Plattform für Akteure dar, die geheime Informationen öffentlich machen wollen, und sie seien ein Ort, wo Gerüchte große Aufmerksamkeit bekommen können. Die Analyse der Autoren zeigt, dass die Medien selber auch unter Beschuss kommen können, indem Politik und Militär ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen.

Hammarlin und Jarlbro widmen sich der bekannten schwedischen sozialdemokratischen Politikerin Mona Sahlin und untersuchen, wie sie von der schwedischen Presse dargestellt und skandalisiert worden ist. Sahlins Geschlecht und ihre Rolle als Mutter würden oft hervorgehoben, und ihre Eignung als Vollzeitpolitikerin werde vor allem aufgrund dieser zwei Eigenschaften in Frage gestellt. Die Grenzüberschreitungen von Sahlin wären von den Journalisten dermaßen aufgeblasen worden, dass sie aus der Perspektive der Medienforscher nie eine Chance hatte, in der Politik weiterhin zu überleben. Dies zeige nicht nur, wie stark das Patriarchat in der Politik immer noch sei, sondern auch wie stark es in der Medienlogik vorhanden sei.

In der Analyse von sechs skandalisierten Politikerinnen in Schweden, Norwegen und Dänemark stellt Strand Hornnes unter anderem auch fest, dass die Medienaufmerksamkeit und -kritik in keinerlei Verhältnis zu den jeweiligen Grenzüberschreitungen steht. In fünf von sechs Fällen waren die Politikerinnen gezwungen zurückzutreten, obwohl die Skandale keine soziale Relevanz hatten.

Bjerke greift drei norwegische Skandale auf und stellt die Frage, was die Skandalisierung der Medien für Folgen für die Skandalisierten hat und welche ethischen Probleme in diesem Zusammenhang auftauchen. Er untersucht, wie das selbstregulierte Pressesystem mit Hetzjagden der Medien umgegangen ist. Die Presse scheint skrupellos. Es ist demnach sogar zu Selbstmorden bei den gejagten Politikern gekommen. Wo verläuft die Grenze zwischen der demokratietheoretisch wichtigen Kontroll- und Aufdeckfunktion der Medien und der unverhältnismäßigen Hetzjagd? Nach dem Selbstmord von Tore Tønne im Jahr 2002 wurde diskutiert, wie man solche Attacken der Presse unter Kontrolle bringen könnte. Aber verändert hat sich gemäß Bjerke nicht viel, und die Situation wie sie heute noch vorherrscht sei unhaltbar. Als Kontrast hierzu konnte Midtbø aufzeigen, dass die untersuchten norwegischen Skandale keinen Einfluss auf die Popularität der Parteien haben.

Im letzten Kapitel des Sammelbandes sprechen Allern und Pollack von den Medien als Marktplatz für Skandale und weisen darauf hin, dass sich die Nachrichtenkultur geändert habe. Die Medien seien willig, über personalisierte und private Skandale zu berichten, die aber oft nur harmlose Grenzüberschreitungen darstellten. Verglichen mit ihren männlichen Kollegen werden Politikerinnen härter unter Beschuss genommen und müssten häufiger ihren Posten räumen. Die Autoren äußern wichtige Kritik an den Verhältnissen, wie sie heute in den Medien vorherrschen: kritischer Journalismus müsse das Ausmaß der Berichterstattung angemessen halten. Die journalistische Berichterstattung hat laut Allern und Pollack eine äußerst wichtige demokratische Funktion, aber die Hetzjagd der Journalisten bringt uns demnach keine neuen Einsichten, lediglich einen Platz in der ersten Reihe vor der Guillotine. Für eine Demokratie sei es kein Triumph, dass vom Volk gewählte Politiker gedrängt werden zurückzutreten, bevor die Wähler selbst das Sagen haben. Das Volk entscheide, wer an die Macht komme, die Medien entschieden, wann sie zurücktreten müssen.

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Über das BuchSigurd Allern, Ester Pollack (Hrsg.): Scandalous! The Mediated Construction of Political Scandals in Four Nordic Countries. Göteborg [Nordicom] 2012, 211 Seiten, 28,- Euro.Empfohlene ZitierweiseSigurd Allern, Ester Pollack (Hrsg.): Scandalous!. von Kristiansen, Silje in rezensionen:kommunikation:medien, 21. Dezember 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11033
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Rezensent/in
Silje Kristiansen, lic. phil., ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung, Abteilung Medienrealität & Medienwirkung, an der Universität Zürich. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Risikokommunikation, Gesundheitskommunikation, Europäische Öffentlichkeit.