Marco Dohle: Unterhaltung durch traurige Filme

Einzelrezension
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Rezensiert von Meike Uhrig

Einzelrezension
Marco Dohle behandelt in seiner Dissertation, die er der kommunikationswissenschaftlichen Rezeptionsforschung zuordnet, in insgesamt zehn Kapiteln die Rezeption trauriger Filminhalte. Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen Teil und die Darstellung einer empirischen Untersuchung. Dohles zentrale Forschungsfrage lautet “Welche Bedeutung haben Metaemotionen für die Rezeption trauriger Filme?” Dabei konzentriert er seine Untersuchung in erster Linie auf den prä-kommunikativen Rezeptionsprozess, die “Gründe und Motive” der Rezeption trauriger Inhalte, und bezieht sich besonders auf die Ausführungen von Oliver (1993) zur Rolle von Metaemotionen, die er in einem mehrdimensionalen Ansatz weiterentwickelt.

In Kapitel zwei führt die Arbeit Definitionen und Theorien sowie differentialpsychologische Ansätze medialer Unterhaltung zusammen, um die Bedingungen einer positiv bewerteten Unterhaltungs-erfahrung durch negative Emotionen herauszuarbeiten. Im dritten Kapitel wird ein Überblick über emotionspsychologische Grundlagen gegeben. Danach geht der Verfasser auf die in der vorliegenden Arbeit relevante Emotion Trauer ein und diskutiert am Ende des Kapitels die Kompatibilität von Trauer bzw. Traurigkeit und Unterhaltung. Letztere wird meist mit Emotionen wie Freude und Vergnügen in Verbindung gebracht.

Auf die mögliche Gleichzeitigkeit dieser scheinbar gegensätzlichen Emotionen geht Dohle in den folgenden beiden Kapiteln vertiefend ein. In Kapitel vier definiert er seinen Forschungsgegenstand, den traurigen Film, grenzt dessen Rezeption kurz von Erlebnissen des Alltagslebens ab und bringt ihn schließlich mit Persönlichkeitsvariablen in Verbindung. In Kapitel fünf beschäftigt er sich mit dem Konzept der Metaemotionen, die auch den Kern seines Ansatzes zur Rezeption trauriger Medieninhalte darstellen und die er als mehrdimensionale Konstrukte operationalisiert. Zusammenfassend kommt Dohle, wenn er sowohl die vorgestellten kommunikations-wissenschaftlichen bzw. medien- und emotionspsychologischen Sichtweisen zusammenführt, zu folgenden Dimensionen emotionalen Erlebens bei der Rezeption trauriger Filme: Metaemotionen, die den Inhalt oder einen der Protagonisten des Films und das entstehende Mitgefühl bzw. den Genuss von Traurigkeit betreffen, Metaemotionen mit Bezug auf die eigene Person und Lebenssituation – also sowohl Ablenkung als auch Auseinandersetzung – und schließlich solche, die sich auf die Rezeptionssituation und sozial ausgerichtetes Verhalten beziehen.

In Kapitel sieben entwickelt Dohle ein Forschungsmodell und entwirft sein Forschungsprogramm. In einer Voruntersuchung überprüft er zunächst eine deutsche Sprachfassung der Sad-Film Scale von Oliver. Zudem überprüft untersucht er die Dimensionalität der ursprünglich eindimensionalen Skala und testet einen möglichen Zusammenhang mit Persönlichkeitsvariablen. Anschließend entwickelt er in der Hauptuntersuchung eine mehrdimensionale Skala. Beide Studien verwenden standardisierte Befragungen, die in Form von Online-Befragungen durchgeführt wurden.

Als Kernergebnis lassen sich drei zentrale Erkenntnisse zusammenfassen: Die Untersuchungen bestätigen die Annahmen, dass Metaemotionen als mehrdimensionales Konstrukt zu verstehen sind, und dass diese die Selektion von Medieninhalten, also die Präferenz für traurige Filme, beeinflussen. In Bezug auf die Rolle der Persönlichkeitseigenschaften erwies sich besonders die Empathiebereitschaft als bedeutsam. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Dohle durch eine Kombination aus theoretischen Ausführungen und empirischen Untersuchungen einen wertvollen Beitrag zur eingangs von ihm aufgeworfenen – und in der aktuellen Medienforschung äußerst aktuellen – Frage geleistet hat, warum Rezipienten traurige Medienangebote nutzen.

Kritisch anzumerken ist lediglich, dass die Definition des ‘traurigen Filminhalts’ entweder anhand generischer Zuordnungen (also als Tragödie oder Melodram) geschieht, was sich per se als schwierig erweist und auf einer recht unspezifischen Vorstellung des Untersuchungsgegenstands auf Seiten des Probanden basiert. Oder aber die Definition erfolgt anhand konkreter Filme (hier bspw. Titanic oder Schindlers Liste). Dies wiederum liefert zahlreiche zusätzliche Einflussfaktoren, die im Rahmen der Untersuchung nicht eingehend berücksichtigt werden können und die die Bedeutung von Metaemotionen dem Verfasser zufolge zudem abschwächen.

Dennoch ist Dohles Unterhaltung durch Traurige Filme eine theoretisch äußerst fundierte und sprachlich klare Untersuchung eines aktuellen Themas, die dem Leser nicht nur einen umfassenden Einblick, sondern einen Mehrwert zur Beantwortung dieser relevanten Frage im Bereich der Medienforschung bietet.

Literatur:

  • Oliver, M.B.: Exploring the paradox of the enjoyment of sad films. In: Human Communication Research, 19, 1993, S. 315-342

Links:

Über das BuchMarco Dohle: Unterhaltung durch traurige Filme. Die Bedeutung von Metaemotionen für die Medienrezeption. Reihe: Unterhaltungsforschung, Band 6. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2011, 408 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMarco Dohle: Unterhaltung durch traurige Filme. von Uhrig, Meike in rezensionen:kommunikation:medien, 16. November 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/10711
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Rezensent/in
Meike Uhrig M.Sc., M.A. (*1980) ist Akademische Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen. Sie studierte Publizistik und Filmwissenschaft an den Universitäten Marburg, Mainz und Edinburgh und verfasste ihre Magisterarbeit zum Thema "Ist die Katharsisthese zu retten? Eine empirische Untersuchung" (erschienen 2010 in Publizistik). 2010 verbrachte sie ein Forschungsjahr am Psychologischen Institut der Stanford University, USA. Außerdem arbeitete sie mehrere Jahre als Freie Mitarbeiterin bei der dpa und dem SWR. In ihrer Promotion untersuchte sie in einem hermeneutisch-empirischen Ansatz die emotionale Wirkung von Blockbuster Filmen. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die interdisziplinäre Medien- und Emotionsforschung.