Eckart Conrad Lutz, Martina Backes, Stefan Matter (Hrsg.): Lesevorgänge

Einzelrezension
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Rezensiert von Eckhard Meineke

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2007 fand in Freiburg/Schweiz ein mediävistisches Kolloquium zum dortigen Teilprojekt “Texte und Bilder – Bildung und Gespräch. Mediale Bedingungen und funktionale Interferenzen” des Nationalen Forschungsschwerpunktes Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen. Historische Perspektiven der Universität Zürich statt. E. C. Lutz führt mit “Lesevorgänge. Vom punctus flexus zur Medialität. Zur Einleitung” (11-33) in den Gegenstand ein. M. Curschmann behandelt in “Herrscher-Portraits in Bild und Schrift. Frühe Kulturen – abendländisches Mittelalter” (35-58) Handschriften des Mittelalters als Zeugnis des Anspruchs auf Macht, Kult und Gedächtnis; ausgehend von altägyptischen und sumerischen Herrscherbildern werden Stifterbilder von Evangeliaren analysiert.

M. Grandmontagne thematisiert in “›Lesen im Marmor‹ oder: Vom erkenntnisstiftenden Sehen. Lesevorgänge im Werk von Claus Sluter” (59-87) die Vergleichbarkeit von text- und bildbezogenen Lesevorgängen. Die für die textbasierte Meditation charakteristischen Abläufe werden auch für Wahrnehmungsprozesse angenommen, die Sluters Figurenensemble des Portals der Chartreuse de Champmol auslöst. S. Wittekind stellt in “Ut hac tantum compilatione universi utantur in iudiciis et in scholis. Überlegungen zu Gestaltung und Gebrauch illuminierter Handschriften der Dekretalen Gregors IX.” (89-128) die von der 2. Hälfte des 13. Jhs. an aufwändig ausgestatteten Handschriften der Dekretalensammlung Raymunds von Peñafort vor. Diese wurde durch Gregor IX. 1234 zur alleingültigen Grundlage des Kirchenrechts erhoben. Dieser Anspruch zeigt sich in der Verfestigung des Layouts, des Textes und der Glossen. St. Kwasnitza stellt in “Stadtrechte zwischen Urkunde und Handschrift. Lesepraktiken, Ostentationsakte und Traditionsbildung am Beispiel der Freiburger Handfeste” (129-156) vergleichbare Beobachtungen im Zusammenhang der Kanonisierung des Rechts vor.

Ch. Meier befasst sich mit “Typen der Text-Bild-Lektüre. Paratextuelle Introduktion – Textgliederung – diskursive und repräsentierende Illustration – bildliche Kommentierung – diagrammatische Synthesen” (157-181). Sie analysiert und systematisiert Lesevorgänge, die durch Bilder gelenkt, erleichtert und differenziert werden. F. Heinzer behandelt “Leselenkung als Selbstinszenierung des Autors. Zum autographen Text- und Bildvorspann von Gottfrieds von St. Viktor ›Fons Philosophiae‹” (183-204). Dieser Vorspann mit autographem Autorenbild sowie Prolog verbindet Rezeptionslenkung mit Selbstinszenierung. E. C. Lutz befasst sich mit “Lesen, Verstehen und Vermitteln im Kompendium des Rektors eines reformierten Chorfrauenstifts (HAB, cod. Guelf. 217 Helmst.: Heiningen, 1461-66)” (205-235). Der von einem Nonnenseelsorger erarbeitete pastorale Codex orientiert sich an einer cura animarum ex caritate.

Das Thema von N. Henkel ist “Text – Glosse – Kommentar. Die Lektüre römischer Klassiker im frühen und hohen Mittelalter” (237-262). Anhand Vergils Aeneis im Prüfeninger Clm 305 wird erstens gefragt, wie mit welchen Zielsetzungen und Instrumenten kanonische Texte des Mittelalters studiert wurden, und zweitens, wie das Studium des Textes in eine produktive literarische Reformulierung einmünden kann. S. Huot stellt “›Finding-Aids‹ for the Study of Vernacular Poetry in the Fourteenth Century. The Example of the ›Roman de la Rose‹” (262-282) vor. Diese Erschließungshilfen sind Register von Rubriken oder thematische Indices in drei Handschriften des 14. Jahrhunderts.

St. Matter fragt “Was liest man, wenn man in Minneredenhandschriften liest? Exemplarische Lektüren des ›Ironischen Frauenpreises‹ (Brandis 22) in der Prager Handschrift des sog. ›Liederbuches der Klara Hätzlerin‹” (283-313). Anhand der auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten intertextuellen Bezüge der Quelle zu ihren Kon-Texten werden verschiedene Lektüreangebote durchgespielt.

Der Gegenstand von K. Schlecht ist “Das ich ouch bischaft mach. Lesevorgänge und gedankliche Interferenzen am Beispiel des ›Schweizer Anonymus‹” (315-332). Die Autorin versucht die Entstehung der nur im Cod. Sang. 643 überlieferten Kleinepiksammlung vor dem Hintergrund des ihr vorangehenden Textes, Ulrich Boners “Edelstein”, zu erklären. Bei A. Brülhart tritt “Der gpaur als Leser” auf. Es geht um “Lesevorgänge in Heinrich Wittenwilers ›Ring‹ am Beispiel von Saichinkruogs Haushaltslehre” (333-358). Nicht nur in erzählenden Abschnitten werden Ordnungsvorstellungen pervertiert, sondern auch dort, wo die Figuren ihr Wissen vorführen. N. Eichenberger untersucht anhand der Erzählung “›Vom Sünder und der verlorenen Frau‹” die “Erscheinungsformen einer erbaulichen Kurzerzählung – Konstruktion und Rezeptionsentwürfe” (359-385). Es wird aufgezeigt, wie das Zusammenspiel von Motivbereichen, Textsorten und Perspektiven die moralisch-lehrhafte Aussage des Textes bestimmt, aber auch die vom Text vorgezeichnete Rezeptionshaltung von den Rezeptionsentwürfen der Handschriften überlagert wird.

M. Backes befasst sich mit “Lesezeichen. Zur Einrichtung höfischer Romane als Lesetexte am Beispiel des französischen und des deutschen Parzivaldrucks” (387-402). Der Vergleich der ältesten Druckausgaben der Romane und den ihnen vorausgehenden Handschriften zeigt, ob und wenn ja wie ihre jeweilige Ausstattung in spezifischer Weise Leseprozesse förderte. Bei R. Wetzel geht es mit “Dúr daz wort, in daz wort, an daz wort” um “Die Engelberger Lesepredigten zwischen lectio, meditatio, contemplatio und Mystagogik” (403-419). Unterschieden wird zwischen einer mehr passiven Aufnahme und Verarbeitung im Sinne des Wortes als aufgehende Saat und einem mehr aktiven Lesevorgang als Dekodierung, der in der klösterlichen lectio einer nicht mehr rational fassbaren meditatio oder gar contemplatio weicht.

J. Thali behandelt anhand des Leitspruchs “Qui vult cum Deo semper esse, frequenter debet orare, frequenter et legere” die “Formen und Funktionen des Lesens in der klösterlichen Frömmigkeitskultur” (421-457) mittels Quellen des ehemaligen Frauenkonvents der Benediktinerabtei Engelberg. Gezeigt wird, dass Lesen als gnadenvermittelnde Kommunikation mit Gott gesehen wird.

Beim Aufsatz “Lesen im Passionstraktat des Nikolaus Schulmeister” von B. Gremminger geht es um “Text, Bilder und Einrichtung des Engelberger Autographs von 1396” (459-482). Hauptanliegen Schulmeisters ist die Vermittlung heilsgeschichtlicher Inhalte an ein Laien- bzw. Frauenpublikum; sie zielt in erster Linie auf die Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens ab. N. F. Palmer beschäftigt sich in dem Beitrag “Simul cantemus, simul pausemus” mit der mittelalterlichen Zisterzienserinterpunktion (483-569). Gegenstände sind die Verwendung des punctus flexus, dann eine Analyse der für die Vortragsweise der Lesungen relevanten liturgischen Quellen und schließlich eine Neuedition des Interpunktionstraktates “Prudens lector”.

Die Thematik wird auf hohem Niveau behandelt und für die Forschung ergeben sich wertvolle Anregungen und Hilfen. Der Band enthält eine Arbeitsbibliographie, ein Register der Autoren, Werke, historischen Personen und Orte und eines der Handschriften. Die 131 Abbildungen im Anhang sind von bester Qualität.

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Über das BuchEckart Conrad Lutz; Martina Backes; Stefan Matter (Hrsg.): Lesevorgänge. Prozesse des Erkennens in mittelalterlichen Texten, Bildern und Handschriften. Reihe: Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen, Band 11. Zürich [Chronos] 2010, 728 Seiten, 55 Euro.Empfohlene ZitierweiseEckart Conrad Lutz, Martina Backes, Stefan Matter (Hrsg.): Lesevorgänge. von Meineke, Eckard in rezensionen:kommunikation:medien, 20. November 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/10484
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Rezensent/in
Dr. Eckhard Meineke ist Professor für Geschichte der deutschen Sprache am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena.