Antje Robrecht (2010): “Diplomaten in Hemdsärmeln?”

Einzelrezension
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Rezensiert von Sven Engesser

Einzelrezension
Antje Robrechts Arbeit Diplomaten in Hemdsärmeln? wurde 2009 vom Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Universität Marburg als Dissertation angenommen. Die Untersuchung beschäftigt sich mit Auslandskorrespondenten als Akteuren in den deutsch-britischen Beziehungen von 1945 bis 1962. Damit ist sie am Schnittpunkt von Geschichts- und Kommunikationswissenschaft angesiedelt. Eine solche Ausrichtung birgt Chancen und Risiken zugleich. Einerseits kann die Arbeit vom Forschungsstand, den theoretischen Ansätzen und dem Methodenrepertoire zweier Disziplinen profitieren. Andererseits betrachten Vertreter beider Fächer die Arbeit naturgemäß aus der Perspektive ihrer Heimatdisziplin und legen in erster Linie die damit verbundenen Bewertungsmaßstäbe daran an. Dem kann sich auch der Verfasser dieser Rezension nicht entziehen, der mit der Kommunikationswissenschaft einem Fach angehört, dass in der Nachkriegszeit eine “sozialwissenschaftliche Wende” (Löblich 2010) vollzogen hat und heutzutage im Kern empirisch ausgerichtet ist.

Die Autorin geht der relevanten Forschungsfrage nach, unter welchen Umständen Auslandskorrespondenten als “inoffizielle Botschafter” oder als “unabhängige Reporter” fungieren (5). Da sie damit die kommunikationswissenschaftlichen Grundfragen nach den gesellschaftlichen Funktionen des Journalismus und dessen Autonomie von den übrigen sozialen Akteuren und Systemen berührt, wäre es wünschenswert gewesen, wenn sie stärker die einschlägige Literatur zur Kenntnis genommen hätte (siehe bereits: Ronneberger 1964; Rühl 1969). Auch der kommunikationswissenschaftliche Forschungsstand zu Auslandskorrespondenten und zur international vergleichenden Journalismusforschung hätte gründlicher aufgearbeitet werden können (für einen Überblick siehe: Engesser 2007; Esser 2004).

Robrecht untersucht die Biographien westdeutscher und britischer Auslandskorrespondenten, die während der Nachkriegszeit in London, Berlin und Bonn stationiert waren. Sie konzentriert sich auf die Beschäftigten bei jeweils vier Printmedien mit Leitfunktion aus beiden Ländern (Daily Telegraph, Guardian, Observer, Times, FAZ, SZ, Welt und Zeit) und begründet diese Auswahl überzeugend. Als Quellen zieht die Autorin unter anderem Zeitungsarchive, private Nachlässe, Memoiren, Erinnerungsbücher und eine Presseausschnittssammlung heran. Sie führt zahlreiche Zeitzeugeninterviews und befragt sogar vier der damals tätig gewesenen Auslandskorrespondenten persönlich.

Im ersten Kapitel zeigt Robrecht, wie die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs verschiedene Typen von Journalistenbiographien prägten. Das heterogene Korps der westdeutschen Auslandskorrespondenten zerfällt in “Emigranten”, “Journalisten des Nationalsozialismus” und Vertreter der politisch relativ unbelasteten “45er-Generation”. Dagegen eint die britischen Korrespondenten der Kampf gegen den Nationalsozialismus als Soldaten oder Journalisten.

Im zweiten Kapitel beleuchtet die Autorin den Arbeitsalltag der Auslandskorrespondenten. Sie beschreibt deren Arbeitsbedingungen in London, Berlin und Bonn, deren Informationsquellen sowie deren Verhältnis zur Heimatredaktion. Hier hätte es sich gelohnt, noch etwas stärker auf die speziellen Institutionen einzugehen, die die Informationsgewinnung der Auslandskorrespondenten vor Ort regelten, z. B. Bundespressekonferenz (Köhler 1989), journalistische Hintergrundkreise (Hoffmann 2003) und Westminster Lobby (Tunstall 1970).

Im dritten Kapitel widmet sich Robrecht schließlich der Funktionszuschreibung und dem Rollenverständnis der Auslandskorrespondenten. Die Abschnitte, in denen die Autorin anhand der “Lenz-Affäre” um ein geplantes deutsches Propagandaministerium (vgl. 220-226) und am Beispiel zweier Chefkorrespondenten der Times (vgl. 260-286) anschaulich zeigt, über welchen gesellschaftlichen Einfluss Journalisten verfügen können und wie unterschiedlich sie ihren Beruf mitunter interpretieren (als “Reporter” oder “Diplomat”), gehören wohl zu den stärksten der Arbeit.

Insgesamt hat Robrecht eine klar strukturierte und angenehm lesbare Arbeit vorgelegt. Sie hat eine Reihe von Quellen zusammengetragen und vermutlich eine der letzten Gelegenheiten wahrgenommen, persönliche Gespräche mit Vertretern der in den 1920er Jahren geborenen Generation von Auslandskorrespondenten zu führen. Allerdings muss sie sich aufgrund der einseitigen Quellenlage bei der Funktionszuschreibung und dem Rollenverständnis der Korrespondenten leider weitgehend auf die britischen Vertreter beschränken (vgl. 20). Dadurch bricht der aufschlussreiche Vergleich mit den Deutschen gerade im interessantesten Teil der Untersuchung weg.

Auch hätte ich mich gefreut, wenn sie die Querverbindungen zwischen biografischen Einflüssen, Arbeitsalltag, Funktionszuschreibung und Rollenverständnis stärker herausgearbeitet hätte. Dadurch wäre es ihr vielleicht auch etwas besser gelungen, vom konkreten Gegenstand der deutschen und britischen Auslandskorrespondenten in der Nachkriegszeit zu abstrahieren, und zu universellen Erkenntnissen über den Journalismus zu gelangen.

Literatur:

  • Engesser, S.: Kisha-Club-System und Informationsfreiheit. Vergleich der Arbeitsbedingungen von Auslandskorrespondenten in Japan und Deutschland. Wiesbaden 2007.
  • Esser, F.: Journalismus vergleichen. Komparative Forschung und Theoriebildung. In: Löffelholz, M. (Hrsg.): Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. Wiesbaden 2004, 151-179.
  • Hoffmann, J.: Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus. Wiesbaden 2003.
  • Köhler, B.: Die Bundespressekonferenz. Annäherung an eine Unbekannte. Mannheim 1989.
  • Löblich, M.: Die empirisch-sozialwissenschaftliche Wende in der Publizistik- und Zeitungswissenschaft. Köln 2010.
  • Ronneberger, F: Die politischen Funktionen der Massenkommunikationsmittel. In: Publizistik, 9, 1964, 291-304.
  • Rühl, M.: Systemdenken und Kommunikationswissenschaft. In: Publizistik, 14, 1969, 185-206.
  • Tunstall, J.: The Westminster Lobby Correspondents. A Sociological Study of National Political Journalism. London 1970.

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Antje Robrecht an der Universität Marburg
  • Webpräsenz von Sven Engesser an der Universität Zürich
Über das BuchAntje Robrecht: "Diplomaten in Hemdsärmeln?" Auslandskorrespondenten als Akteure in den deutsch-britischen Beziehungen, 1945-1962. Reihe: Arbeitskreis deutsche England-Forschung, Band 63. Augsburg [Wißner Verlag] 2010, 328 Seiten, 42,- Euro.Empfohlene ZitierweiseAntje Robrecht (2010): “Diplomaten in Hemdsärmeln?”. von Engesser, Sven in rezensionen:kommunikation:medien, 11. Oktober 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/10225
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Rezensent/in
Dr. Sven Engesser ist wissenschaftlicher Oberassistent am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung an der Universität Zürich. Arbeitsschwerpunkte: Journalismusforschung, International vergleichende Journalismusforschung, Mediensysteme, Politische Kommunikation, Umweltkommunikation.