Oswald Bauer: Zeitungen vor der Zeitung

Einzelrezension
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Rezensiert von Jürgen Wilke

Einzelrezension
Die neuzeitliche, periodisch erscheinende Zeitung, deren Beginn heute auf das Jahr 1605 datiert wird, hatte, wie man weiß, verschiedene Vorläufer. Dazu gehörten u. a. die sogenannten Fuggerzeitungen, ein voluminöser Komplex von hand- geschriebenen Nachrichten, die in dem Augsburger Handelshaus der Fugger in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gesammelt wurden. Zwar hat dieser Komplex schon früher wiederholt Beachtung gefunden, so durch Johannes Kleinpaul (1921), Mathilde Fitzler (1937) und andere. Gleichwohl hat sich ihm die Forschung erst neuerdings (wieder) mit besonderer Intensität zugewandt. Dazu gehören außer Einzelstudien die Edition der Regesten der Fuggerschen Geschäfts-korrespondenz, die Digitalisierung des Quellenkorpus durch die Österreichische Nationalbibliothek und ein von dort inzwischen versandter eigener Newsletter. Einen Höhepunkt dieser Neube-schäftigung stellt jetzt das Buch von Oswald Bauer dar, das als Dissertation aus dem Graduiertenkolleg Wissensfelder der Neuzeit der Universität Augsburg unter der Anleitung von Johannes Burkhardt und Wolfgang E. J. Weber hervorgegangen ist.

Wer immer sich für das Nachrichtensystem der Frühen Neuzeit interessiert, wird das Buch mit höchstem Gewinn lesen. Nirgendwo ist dieser Quellenkorpus, seine Entstehung, seine Rahmenbe-dingungen und seine Inhalte derart tief- und weitgreifend untersucht worden. Erst jetzt lässt sich abmessen, wie unvollständig und unzureichend unser Kenntnisstand davon bisher gewesen ist. Wie vermutlich andere, so muss auch der Rezensent bekennen, dass seine einschlägig gemachten Aussagen, die auf der älteren Literatur basierten, revisionsbedürftig sind. Das betrifft insbesondere die tradierte Behauptung, die Fuggerzeitungen hätten vor allem wirtschaftlich relevante Informationen vermittelt. Wie die eingehende Befassung mit den Inhalten zeigt, ist dies unzutreffend, denn tatsächlich standen Kriegsmeldungen und politische Nachrichten im Vordergrund.

Bevor die Inhalte aber zur Sprache kommen, werden die von den Augsburger Brüdern Philipp Eduard und Octavian Secundus Fugger gesammelten geschriebenen Nachrichten – insgesamt sind es 27 Bände mit über 19.500 Blättern (1568-1604/05) – in mehrerlei Hinsicht phänomenologisch eingeordnet. Ausführlich werden die Genese und die Wurzeln der geschriebenen Zeitungen heraus-gearbeitet, mit deutlichem Ausgriff auf ihre Anfänge in Italien. Zu den Rahmenbedingungen gehören auch die postale Infrastruktur und die Postkurse. (Hierzu folgt später noch ein weiteres Kapitel). Weiterhin stellt der Verfasser die Sammler selbst vor, beides gebildete Adlige und Unternehmer.

Erst dann werden die Fuggerzeitungen systematisch hinsichtlich ihrer Grundmerkmale charakterisiert. Hier findet man erste quantitative Auswertungen, beispielsweise zu den Nachrichtenorten. Ergänzend werden die parallel überlieferten Kopierbücher des Augsburger Kontors mit einbezogen. Sie enthalten die geschäftliche Korres-pondenz der Georg Fuggerischen Erben. Breiten Raum widmet Oswald Bauer im sechsten Kapitel den Korrespondenten der geschriebenen Zeitungen, die grob in drei Gruppen eingeteilt werden: Angestellte der Firma, Agenten, Bekannte und Freunde und schließlich professionelle Zeitungsschreiber. Erstaunlich ist, was sich alles bei genauer Auswertung der Quellen über diese Korrespon-denten in Erfahrung bringen lässt.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit den Informationszwecken und den Anweisungen der Auftraggeber an die Korrespondenten. Modern gesprochen, gab es schon hier ein Feedback. Als Motive leiteten die Sammler primär das Interesse an aktueller Bericht-erstattung, aber auch der wirtschaftliche Nutzen durch einen Informationsvorsprung, der Aufbau eines Nachrichtenarchivs und endlich das Streben nach sozialem Ansehen in den “informierten Kreisen” der Stadt Augsburg. All dies wird immer höchst konkret aus den Quellen abgeleitet. So groß die Vielzahl der Einzelbezüge ist, so verliert sich der Verfasser nicht darin, sondern bindet diese immer wieder in übergreifende allgemeine und theoretische Überlegungen ein, beispielsweise zum Kulturtransfer. Oder zur Frage der Öffentlichkeit(en), wobei einmal mehr das berühmt gewordene Modell von Jürgen Habermas als “undifferenziert und begrifflich wie konzeptuell nicht tragfähig” (160) etikettiert wird. Freilich wird auch dieser empirische Befund den weiteren Erfolg dieses Modells kaum aufhalten.

Rund die Hälfte des Buches ist den Inhalten der Fuggerzeitungen gewidmet. Vermutlich hat niemand vor Oswald Bauer diese Quelle so eingehend gelesen, schon wegen der altertümlichen Sprache eine enorme Leistung! Eingesetzt werden im Folgenden Methoden unterschiedlicher Provenienz. Einerseits im Anschluss an kommunikationswissenschaftliche Vorbilder eine quantitative Inhaltsanalyse, die Vergleiche zu Studien (auch des Rezensenten) zu den Inhalten früher periodischer Zeitungen ermöglichen. Wie in den letzteren dominierten schon in den Fuggerzeitungen Gewalt und Krieg (51 Prozent) vor der Politik (25 Prozent), während Wirtschaft (6 Prozent) und Curiosa (1 Prozent) nur am Rande vorkamen. Zum anderen untersucht Bauer in klassisch-historischer Weise wie die Fuggerzeitungen über fünf unterschiedliche Ereigniskomplexe berichteten: die drei polnischen Interregna und die drei Königswahlen (1573-1587), den Kölnischen Krieg um die Vorherrschaft im Erzbistum (1578/82- 1588/90), die Spannungen zwischen England und Spanien bis zum Untergang der Armada (1585-1588) und den Krieg zwischen Genf und Savoyen (1589-1593). Außer diesen politischen Ereigniskomplexen werden am Schicksal des Goldmachers Marco Bragandino auch Vorfälle verfolgt, die eher die sensationalistische Neugier befriedigten.

In einem zusätzlichen Kapitel geht Bauer schließlich noch über die Fuggerzeitungen hinaus und zieht zum Vergleich mehrere andere Sammlungen geschriebener Zeitungen des 16. Jahrhunderts heran. Sie besitzen bei weitem zwar nicht den Umfang der Augsburger Korrespondenzen, zeigen aber, dass deren Exzeptionalität eher durch die Überlieferung als durch eine Singularität der Erscheinung bedingt ist.

Oswald Bauer hat eine in jeder Hinsicht bewunderungswürdige Forschungsarbeit vorgelegt. Dazu trägt außer der Textdarstellung der umfangreiche Fußnotenapparat bei. Dergleichen ist man heute bei der sich durchsetzenden amerikanischen Belegweise gar nicht mehr gewöhnt. Dabei dient dieser Apparat nicht nur den formalen Belegen und der Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur, sondern er ist eine wahre Fundgrube für viele ergänzende Informationen. Lediglich die Untersuchung der fünf historischen Ereigniskomplexe ist vielleicht etwas minutiös und langatmig geraten.

Links:

Über das BuchOswald Bauer: Zeitungen vor der Zeitung. Die Fuggerzeitungen (1568-1605) und das frühmoderne Nachrichtensystem. Reihe: Colloquia Augustana, Band 28. Berlin [Akademie Verlag] 2011, 436 Seiten, 89,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseOswald Bauer: Zeitungen vor der Zeitung. von Wilke, Jürgen in rezensionen:kommunikation:medien, 5. November 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/10200
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Rezensent/in
Dr. Jürgen Wilke ist Professor für Publizistik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u. a. die Struktur und Organisation von Massenmedien, das Nachrichtenwesen sowie Medien- und Kommunikationsgeschichte.